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Eine kleine Geschichte zu den Medien

Dieses Thema im Forum "Internationale Medien und Schlagzeilen" wurde erstellt von Alexander, 8. 05. 2016.

Eine kleine Geschichte zu den Medien 4.7 5 3votes
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  1. Alexander

    Alexander Parteilos

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    Die Qualität der Medien ist ja seit längerem in aller Munde - sei es weil sie im Inland von manchen zunehmend als "Lügenpresse" verschrien wird (und noch mehr es denken, auch wenn sie es nicht laut sagen) oder weil sie, beispielsweise in der Türkei, zunehmend durch staatliche Einflussnahme monopolisiert wird.
    Darum soll es in diesem Thread aber nicht gehen. Stattdessen wollte ich diesen Artikel über Ben Rhodes mit euch teilen.

    Ben Rhodes ist Obamas "stellvertretender Berater für nationale Sicherheit und strategische Kommunikation", was ein etwas hochtrabender Titel für ein Mitglied des präsidialen Pressecorps ist. In diesem Artikel erzählt er erstaunlich offen darüber, wie die mediale Berichterstattung über internationale Themen heutzutage zu Stande kommt - oder genauer: wie er und seine Leute ganz ohne Ausübung von diktatorischen Zwangsmassnahmen dafür sorgen können, dass weitestgehend das in den Medien steht, was die Administration will.

    Er nennt einige Faktoren, die ihm diese Aufgabe erleichtern.
    Darunter unter anderem die Tatsache, dass früher alle grösseren Zeitungen Auslandsbüros hatten, heute aber nicht mehr. Wenn die Jorunalisten also wissen wollen, was in Moskau oder Kairo abgeht, dann rufen sie einfach bei Obamas Pressecorps an und fragen nach. Eigene Quellen haben sie nicht mehr.

    Die allermeisten Medienhäuser würden über internationale Events nur noch aus Washington berichten und recherchieren. Dabei sei der durchschnittliche Journalist 27 Jahre alt und seine einzige Berufserfahrung sei in der Regel die Mitarbeit in politischen Kampagnen.
    Ben Rhodes: "They literally know nothing."

    Diese Tatsache macht sich Rhodes nach eigenen Angaben natürlich gerne zu Nutze: Dadurch, dass sowieso alle Journalisten zu ihm rennen und völlig unwissend sind, was die Realitäten unseres Planeten angeht, macht es ihm extrem leicht, dass alle schlussendlich das berichten, was er will. Den hungrigen Medien, deren einzige "Recherchearbeit" in den Säälen der präsidialen Pressebriefings stattfindet, jubelt man unter, was nachher im O-Ton abgedruckt oder gesendet wird. Und zu manch besonders einflussreichen Meinungsmachern habe man auch einen direkten Draht - die rufe man dann an und gibt ihnen direkt den Tarif durch.


    Im Übrigen ist das keine "früher war alles besser" Story. Denn die Quintessenz des Artikels ist nicht:

    "Heute druckt die Presse nur noch unsere Märchen ab, weil sie keine richtigen Journalisten mehr haben"

    sondern eher

    "Heute ist es für uns ganz einfach, zu erreichen, dass die Presse nur unsere Märchen abdruckt. Früher haben sie auch bereits nur unsere Märchen abgedruckt, aber damals mussten wir uns wenigstens noch ein bisschen anstrengen, damit sie das tun."


    Mit seiner "erfrischend" offenen Art aus dem "Inneren der Macht" darüber zu sprechen, wie die Medien staatlich gesteuert werden, ist Ben Rhodes fast ein bisschen der Wladislaw Surkow der USA. (Surkow gilt als einflussreicher Gestalter der russischen Politik unter Putin und hat vermutlich den Roman "Nahe Null" verfasst, der hart mit der Korruption und Vetternwirtschaft im postkommunistischen Russland ins Gericht geht.)
    Normalerweise kommen solche "Geständnisse" ja erst viele Jahre später in den Memoiren - und nicht während man noch im Amt ist. Aber offenbar kann man sich das heute problemlos leisten. Denn wer liest schon noch einen solch langen Artikel in der New York Times... oder einen Roman.
     
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  2. Conchita M

    Conchita M Parteilos

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    Wie schwierig es ist, trotz all der Informationen, die uns zu Verfügung stehen, sich ein halbwegs korrektes Bild der Wirklichkeit zu machen, zeigt der Artikel The raging controversy over a profile of Ben Rhodes, explained, der sich eben gerade mit der Kontroverse beschäftigt, die der von @Alexander verlinkte Artikel ausgelöst hat.

    Hier werden verschiedene Thesen aufgestellt und belegt:
    1. Der Einfluss der Obama-Administration auf die Medien sei geringer, als der New York Times Artikel es darstellt. Rhodes Rolle würde ziemlich überschätzt.
    2. David Samuels, der Autor eben des NY-Times-Artikels, versuche nachzuweisen, dass die Öffentlichkeit über den Nuklear-Deal mit Iran hinters Licht geführt wurden - weil er persönlich gegen diesen Deal eingestellt sei.
    3. Obamas Außenpolitik bewege sich im Spannungsfeld verschiedener widerstreitender politischer Strömungen, sowohl im Außenministerium als auch im Weißen Haus und in der politischen Landschaft Washingtons.
    4. Samuels sei der traditionellen interventionistischen Richtung zuzuordnen, die bei einer Wahl Clintons vermutlich gestärkt würde.
    Was ich bei aller üblichen Medienschelte und europäischer Arroganz gegenüber den USA aber festhalten möchte ist, dass nach meinem Dafürhalten die Pluralität der Medienlandschaft in den USA wirklich beeindruckend ist und dass es auch ausgesprochenen Qualitätsjournalismus gibt, der nicht unbedingt so altbacken, behäbig und scheinbar ausgewogen daher kommt, wie im deutschsprachigen Raum.

    So, hoffentlich kann ich jetzt doch weiter schlafen ...
     
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  3. Alexander

    Alexander Parteilos

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    @Conchita M

    Anzumerken ist allerdings, dass sich die Vox-Replik primär auf einen anderen Aspekt des NYT-Artikels bezieht als ich. Sprich: Bei Vox geht es hauptsächlich darum, zu zeigen, wieso es falsch sei, zu behaupten, Obama habe die Bevölkerung beim Iran-Deal hinters Licht geführt. Es wird (richtigerweise) argumentiert, dass Obamas diesbezügliche Ansichten schon immer öffentlich bekannt gewesen seien etc. Das wird wohl alles zutreffen, genauso wie möglicherweise auch die Darstellung, gemäss der der NYT-Autor aus den AUssagen von Rhodes etwas gebastelt hat, was hinsichtlich des Iran-Deals so nicht haltbar ist.
    Aber die ganze Iran-Deal-Interpretation die da dran hängt war ja nicht der Aspekt, den ich hier herausgestrichen habe. Der zentrale Aspekt für mich ist, dass wir hier ein wichtiges Mitglied des präsidialen Pressecorps haben, der on the record aussagt, dass die Medienmeute mit der er es heutzutage zu tun hat grösstenteils aus Ahnungslosen besteht, die er im Wesentlichen so beeinflussen kann, dass sie das schreiben was er will. Und das ist schon eine ziemlich starke Aussage, ganz unabhängig davon, was die NYT hinsichtlich des Iran-Deals noch drumherum gesponnen hat.
     
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  4. Conchita M

    Conchita M Parteilos

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    Das ist mir nicht entgangen. Lesen kann ich schon. ;)
    Auch mir ging es prinzipiell zentral darum, nur mit einem etwas anderen Fokus:

    Es ist sehr schwer, sich tatsächlich eine objektive Meinung über viele Tatsachen zu bilden, obwohl wir heute über viel mehr Informationsquellen verfügen als früher. In all dem Rauschen wäre gerade heute ein Journalismus, der professionell und mit einem soliden Berufsethos ausgeübt wird, mehr vonnöten denn je.

    Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Die meisten Meldungen in Fernsehen, Radio und Presse stammen von Agenturen und werden oft komplett unredigiert und meist unverifiziert übernommen.
    Natürlich wird überall gerne der Kostendruck angeführt, der teure Recherche immer unmöglicher werden lässt. Für die Printmedien gilt das teilweise schon, wobei man festhalten muss, dass es im deutschsprachigen Raum immer noch möglich ist, Millionenauflagen zu verkaufen und dass es ohnehin nur noch wenige Medienkonglomerate gibt bei denen durch Kooperationen viel Geld gespart werden kann.

    Besonders ärgert mich der Mangel an echtem Journalismus bei den öffentlich-rechtlichen Medien: Diese verfügen über eine extrem großzügige Finanzierung ohne dass diese sich in der Qualität niederschlägt. Wenn ich sehe, dass über Libyen oder Tunesien aus Kairo berichtet wird weil man niemanden vor Ort hat, aber der Schwachsinnssender RTL, der sich ausschließlich aus Werbeeinnahmen finanziert, doch jemanden hat, der noch dazu echte Informationen aus erster Hand liefert, dann stimmt irgendetwas nicht.

    Dann gibt es natürlich auch noch Onlinemedien, meiner Meinung nach inzwischen fast die einzigen, die inzwischen noch wirklich von Bedeutung sind¹. Auch dort sieht es im deutschsprachigen Raum ziemlich mau aus. Auf Spanisch ist es auch nicht viel besser. Es ist allerdings unglaublich, welches Ausmaß in Lateinamerika manchmal die Leser/Zuschauerbeteiligung erreichen kann. Ein beliebter Artikel in den Online-Versionen mancher Zeitungen bekommt innerhalb weniger Stunden Tausende von Kommentaren. Ich habe es aufgegeben, mich selbst bei solchen Artikeln zu äußern, auch wenn ich vielleicht durchaus etwas beizutragen hätte. Das hat überhaupt keinen Sinn, wenn die Beiträge im Sekundentakt aufpoppen.

    Nach meinem Eindruck ist das in den USA und Großbritannien anders: Von dem, was ich sehe, gibt es dort eine ganze Reihe von Onlinemedien, bei denen wirklich nachgefragt wird und auf oft unterhaltsame Weise eine klare Position vertreten wird ohne missliebige Fakten auszublenden oder zu verdrehen.

    Natürlich hat das auch mit der Größe des Landes zu tun, ich würde aber das kulturelle Element nicht unterschätzen. Ich denke, das wir in Europa nicht unbedingt nur herunter schauen müssen².

    conchita dixit


    ¹Vielleicht bin ich da untypisch, aber ich informiere mich eigentlich fast ausschließlich online (20 Minuten und Blick am Abend lasse ich mal außen vor - die zählen wirklich nicht).
    ²Sind die doof, die Amis. Gucken Fox News und Infowars. Ha, ha. Natürlich ist Fox News der Abgrund, aber das ist eben nicht alles.
     
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  5. JohnnyHoliday

    JohnnyHoliday Parteilos

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    Wo ist eigentlich unsere Conchita?
     
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  6. Conchita M

    Conchita M Parteilos

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    "Eure" Conchita hat einen deutlich mehr als 40-Stunden-Job (Sie ist immer noch Alleinverdienerin), eine Familie, inklusive zweier kleiner Kinder, eine Liebste und auch noch ein bisschen Privatleben.

    Manchmal hat sie mehr, manchmal weniger Muße, sich zu diesem oder jenem ungefragt öffentlich zu äußern. Trotzdem: Danke der Nachfrage!
     
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  7. Pallas Athene

    Pallas Athene Keine_Parteiangabe

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    Zur möglichen Wahl Clintons hatte der "Spiegel" letztens folgendes zu sagen:
    Was jetzt folgt, ist eine große Chance für die Amerikaner. Warum? In einem Moment, in dem der halbe Westen rechten Menschenfängern zu verfallen scheint, haben die USA die Gelegenheit, gegen den Trend zu wählen. Fünf Monate hat das Land nun Zeit, dem Rest der Welt die andere Seite Amerikas zu zeigen, und zwar die einer gefestigten Demokratie, die die eigenen Institutionen nicht leichtfertig einem Demagogen überlässt.

    Nein, die Amerikaner werden nicht gegen den Trend wählen, wenn sie Clinton wählen. Clinton verkörpert erstens den ruchlosen interventionistischen Trend der USA, der dazu geführt hat, dass sie in ihrer Geschichte ganze 4 Jahre nicht im Krieg lagen. Und zweitens kann sie wohl kaum als Kontrapunkt zu einem "rechten Menschenfänger" gesehen werden, wenn sie sowohl rechts als auch eine populistische, opportunistische Windfahne ist. Die Chance wäre Bernie gewesen.

    Das System der "checks and balances" hat über die Jahrhunderte dafür gesorgt, dass viele Amerikaner ein feines Gespür dafür besitzen, wann die Machtkonzentration ein ungesundes Niveau erreicht. Man kann das zum Beispiel daran sehen, dass Affären, Korruption und Skandale in den USA noch immer so hart verfolgt werden wie nur in wenigen anderen Staaten.

    Die amerikanische Verfassung ist abgesehen vom Einbau von ein paar checks and balances gerade darauf ausgelegt, die unten unten zu halten, wie dieser Artikel zeigt. Angesichts einer Kandidatin, deren Mann Präsident war, die schon mal Kandidatin war, die Secretary of State war, scheint es absurd, hier von einem Verzicht auf ungesunde Machtkonzentration zu schwärmen.

    Aber dass sich diese Wahl überhaupt noch irgendwie in einen Gewinn für Amerika drehen könnte, wird bei der derzeitigen Hysterie allzu leicht vergessen.

    Wo hier der Gewinn liegen sollte, erschliesst sich mir nicht ganz. Entweder gewinnt ein unvergleichlich primitiver, lügnerischer, sexistischer, rassistischer, aber immerhin isolationistischer Dorftrottel, oder eine ebenso lügnerische, zwar nicht besonders rassistische, aber halt generell menschenverachtende Person (gut sichtbar hier), deren einzige Konstante ihr Machthunger und ihre Verachtung für die Souveränität fremder Staaten ist. Das Perfide daran ist, dass Hillari dann noch als Siegerin der Vernunft, der Menschlichkeit blablabla dastehen wird. Einfach zum Kotzen.

    Es ist geradezu schmerzhaft, wie dämlich man eigentlich sein kann, um Korrespondent der einflussreichsten deutschen Onlinezeitung im mächtigsten Land der Welt zu werden, wirklich, wirklich traurig.
     
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